Paradiesstraße – heute

Blick auf Bittehnen/Bitėnai mit der Memelkurve
Foto: © Mindaugas Karklelis
Blick auf Bittehnen/Bitėnai mit der Memelkurve
© Mindaugas Karklelis

Mitte Juni war die Journalistin und Autorin Ulla Lachauer aus Anlass der Neuübersetzung ihres Bestsellers „Paradiesstraße“ auf einer Lesereise in Litauen unterwegs. In Klaipėda kam die Georg-Dehio-Buchpreisträgerin von 2020 ins Simon Dach Haus.

Obwohl bereits über 25 Jahre alt (die Erstausgabe erschien 1996), ist das Buch erschreckend aktuell. Es erzählt das Leben der ostpreußischen Bäuerin Lena Grigoleit aus dem Dorf Bittehnen, die allen Widrigkeiten zum Trotz ihre Heimat nicht verlässt, als Verwandte, Freunde und Nachbarn sich Ende des Zweiten Weltkriegs auf den Weg gen Westen machen. Sie durchlebt die Sowjetzeit, wird nach Sibirien deportiert und kehrt nach Jahren der Verbannung in das Dorf zurück, das nun Bitėnai heißt. Als Ulla Lachauer ihr im September 1989 begegnet, herrscht im Baltikum Aufbruchstimmung. Die WDR-Journalistin ist mit einem Kamerateam im Gebiet des einstigen Memellandes unterwegs.

„Ich hörte, dass dort noch jemand wohnte ‚aus deutscher Zeit‘. Ich war schon bei der ersten Begegnung mit ihr sehr beeindruckt. Sie sprach von Dingen, die ich aus meiner jahrelangen Beschäftigung mit dem Memelland auch einordnen konnte. Es gab zu dieser Zeit nicht viele Journalisten, die das wohl hätten können. Also auch, warum das so bedeutsam war und aufgeschrieben werden musste. Ob Sternstunde oder besonderer Moment: sie wollte erzählen und ich wollte es der Welt weitergeben.“

Rasa Miuller (Simon Dach Haus), Ulla Lachauer, Mindaugas Karklelis
Foto: © Winfried Lachauer
Rasa Miuller (Simon Dach Haus), Ulla Lachauer, Mindaugas Karklelis
© Winfried Lachauer

So berichtet Ulla Lachauer an jenem Nachmittag von den Anfängen dieser Begegnung. Als Moderatorin Rasa Miuller fragt, ob Lena Grigoleit und sie einander mochten, überlegt Lachauer einen Moment.

„1992 habe ich einige Wochen mit ihr verbracht, und mit ihren über achtzig Jahren hatte sie nochmal den Ehrgeiz, eine richtige Bäuerin zu werden. Insofern war mein Dasein kein klassisches Interview, sondern verbunden mit der gemeinsamen Arbeit auf dem Feld. Wir gingen zum Beispiel auch oft barfuß durch das Dorf. Aus alledem entsteht eine gewisse Intimität und man muss sich schon sehr mögen, um das gemeinsam zu leben.“ 

Ihr Vorgehen erinnert mich sehr an meine Arbeit mit den ostpreußischen Wolfskindern, deren Schicksale ich ab 2009 recherchierte und aufschrieb. Gemeinsam mit meiner Kollegin, der niederländischen Fotografin Claudia Heinermann, reiste ich viele Male nach Litauen und besuchte die letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Wir begleiteten sie in ihrem Alltag, sommers wie winters, ließen sie frei erzählen und nahmen uns Zeit. Mit einigen reisten wir auch in die Heimat ihrer Kindheit, nach Königsberg, Gerdauen, Tilsit und Schwesternhof. Ich habe es, in Anlehnung an die „Slow Food“ Bewegung, einmal „Slow Journalism“ genannt. In erster Linie deshalb, weil das schnelle Herauspressen von persönlichen, und häufig traumatischen, Erlebnissen für das journalistische Tagesgeschäft nicht vertretbar mit meinem journalistischen Ethos ist. Gerade in der Arbeit mit alten Menschen, aber auch im Themenkreis Krieg und Zwangsmigration, glaube ich, dass ein behutsames, entschleunigtes Vorgehen essenziell ist. Für die Betroffenen ebenso wie für die Geschichten, die wir am Ende veröffentlichen.

Als wir nach der Veranstaltung darüber sprechen, nennt Ulla Lachauer ihren Ansatz „beobachtende Teilnahme“.  Diese Herangehensweise ist Teil von „Oral History“, der mündlichen Weitergabe selbst erlebter Zeitgeschichte, für die sich im Deutschen inzwischen der Begriff „Biografiearbeit“ eingebürgert hat. Ulla Lachauers Besuch in Klaipėda fällt in jenen Tagen bei mir gerade in eine Phase, in der ich damit begonnen habe, meine Methodik und Vorgehensweisen der letzten Jahre zu reflektieren. Ein Luxus, für den in meinem Alltag selten Zeit bleibt.

„Paradiesstraße“ vereint viele Ebenen einer guten Geschichte in sich und das liegt nicht nur daran, dass Lena Grigoleit sich sehr genau an vieles erinnert – oder, wie Ulla Lachauer gerne betont, an dieser schicksalshaften „Zufallsbegegnung“. Ich meine, dass es der eben beschriebene Ansatz ist, mit dem die Autorin in ihrer zugewandten und doch zurückhaltenden Art der Zeitzeugin begegnete.

Bereits in der früher erschienen Geschichte von „Erdmute Gerolis, Moorbäuerin“ gelingt es Lachauer, eine Zeitzeugin ihre eigene Erlebenswelt beschreiben zu lassen, ohne diese in die eine oder andere Richtung zu interpretieren. In der Wochenzeitung Die ZEIT beschreibt die Autorin die Suche nach den nicht mehr vorhandenen Orten dieser vergangenen Zeit:

„Ich wandere durch die Moorkolonien Augstumal und Bismarck und versuche zu finden, was mein Reichsmeßtischblatt verzeichnet. Schnurgerade Straßen, völlig zugewachsen, verstopfte Drainagegräben, Parzellen, aus denen hin und wieder noch der Stumpf eines Kamins guckt, zwei Dutzend noch bewohnte Holzhäuser. Die Natur hat das Land zurückerobert. ‚Grünwald‘ nennen es die Litauer heute.“

Und weiter:

„Dichter sind die besten Reiseführer in diesem Land: der Insterburger Ernst Wichert (Jahrgang 1831), der Heydekruger Hermann Sudermann (1857), der Tilsiter Johannes Bobrowski (1917). Drei deutsche Dichter, grundverschieden, aber ihre Milieustudien tragen gleiche oder ähnliche Titel: ‚Litauische Geschichten‘‚Litauische Geschichten‘, ‚Litauische Claviere‘. Sie schreiben über ein Grenzland, dessen Herren seit dem Ritterorden Deutsche waren, dessen Volk aber seit jeher gemischt ist: mehr Untertanen litauischer als deutscher Zunge, viele Juden und um das Haff herum die Kuren. Ihr Thema ist die vielsprachige, heute würden wir sagen ‚multikulturelle‘ Nachbarschaft. Bei Wichert ist sie noch friedlich und selbstverständlich, bei Sudermann gefährdet durch nationalen Streit. Bobrowski ist Zeuge, wie sie ‚durch deutsche Schuld‘ untergeht.“

Lena Grigoleit beim Melken, 1992
Foto: © Ulla Lachauer
Lena Grigoleit beim Melken, 1992
© Ulla Lachauer

Es ist dieses Bewusstsein, dieses Wissen um den historischen, kulturellen und sprachlichen Hintergrund, der „Paradiesstraße“ zu seinem Erfolg verholfen hat. Während der Leser ein schmales Bändchen mit knapp 160 Seiten (Erstausgabe) in Händen hält, das sich leicht liest, könnte der Eindruck entstehen, die Autorin habe einfach die Geschichte aufgeschrieben, die Lena Grigoleit ihr mal „nebenbei“ erzählt hat. Wer sich jedoch mit Oral History beschäftigt, den Fallstricken und Begrenzungen, weiß, wie viel Zeit und Mühe die Erarbeitung gekostet haben muss. Insbesondere die Bearbeitung des Gesamttextes, der in der Ich-Form verfasst ist, also Lena Grigoleit, ähnlich einem Protokoll, sprechen lässt.

„Weil sie eine so gute Erzählerin war, wollte ich sie in ihrer eigenen Stimme erzählen lassen und konnte so auch ihre regionale Einfärbung am besten bewahren“, sagt Ulla Lachauer.

In einem Ausschnitt von Lena Grigoleits Stimme auf der Homepage von Ulla Lachauer kann man diese „regionale Einfärbung“ im Original hören. Auch hier gibt es Ähnlichkeiten zu den Zeitzeuginnen aus der Gruppe der ostpreußischen Wolfskinder. In diesem Videoclip zum Beispiel erzählt die Zeitzeugin Eva Briskorn mir ihre Geschichte.

„Am Küchentisch habe ich manchmal ein Aufnahmegerät mitlaufen lassen, aber bei der Arbeit auf dem Feld oder wenn wir spazieren gingen, war keine Technik möglich. Dann habe ich am Ende des Tages Aufzeichnungen aus meiner Erinnerung gemacht. Es gab auch einen intensiven Briefwechsel, denn Lena schrieb sehr gerne Briefe.“

Zu der Veranstaltung in Klaipėda ist auch Mindaugas Karklelis, der Enkel von Lena Grigoleit gekommen. Ulla Lachauer will von ihm wissen, wie er die Großmutter erinnert. Er erzählt, dass sie eine strenge Oma war, aber auch sehr fleißig und es immer schaffte, ihren Willen durchzusetzen. So habe sie zum Beispiel ihre Enkel stets gefunden, wenn sich diese versteckten, um sich vor der Arbeit zu drücken. „Egal, wie heiß es war. Ob es um das Heuen oder Kühe melken ging. Wir mussten von klein auf ran. In der ersten Klasse fragte uns die Lehrerin einmal, wer eine Kuh melken könne. Ich war damals nur einer von zweien, die das konnten. Der Oma war es wichtig, dass wir nicht untätig waren. Ihr anderes großes Interesse galt der Kultur. Sie liebte es, österreichisches Radio zu empfangen, insbesondere die Wunschkonzerte. Die kamen spät am Abend, wenn wir schlafen sollten. Da sie damals schon alt war und schlecht hörte, musste sie das Radio etwas lauter stellen. Und weil das Radio auch alt war, gab es statische Nebengeräusche und man konnte da eigentlich nicht schlafen.“

Ulla Lachauer kommen diese Erinnerungen sehr bekannt vor: „Ich habe deine Großmutter genau so erlebt. Als sie 1995 mit 84 Jahren starb, da sah es so aus, als ob der Hof nicht weitergeführt wird. Er war ja auch in einem schlechten baulichen Zustand und es war eine Zeit, in der man dachte, es geht jetzt einfach eine Epoche, auf dem Land, auf dem eigenen Land, zu Ende. Wie ist es dazu gekommen, dass es weiterging?“

Mindaugas Karklelis ist etwas verlegen und er antwortet zögernd: „Schwer zu sagen. Wahrscheinlich ist es das Schicksal unserer Familie. Wenn man jung ist und wenn man, wie ich, im Ausland gelebt und gesehen hat, wie schön es sein kann, packt einen der Ehrgeiz, es auch schaffen zu wollen. Es war ja alles kaputt, die Gebäude waren in einem sehr schlechten Zustand und es waren einige Generationen und die sowjetische Zeit darüber hinweg gegangen. Ich hatte niemanden, von dem ich das alles hätte lernen können. Ich wollte Vieh haben, dass die Gebäude wieder in einen guten Zustand versetzt werden und schön aussehen. Das zu schaffen war eine große Aufgabe.“

Ulla Lachauer
Foto: © Sonya Winterberg
Ulla Lachauer
© Sonya Winterberg

Ulla Lachauer fügt erklärend hinzu, dass Mindaugas es gemeinsam mit seiner Frau Enida gemeistert habe. Sie bekamen zwei Kinder und ihr Sohn Kostas ist jetzt schon die nächste Generation, die mitarbeitet und die Familientradition fortführt. „Ich bin immer noch gerne auf dem Hof, so alle paar Jahre, und kann die Fortschritte bewundern. Sie haben jetzt zum Beispiel 150 Milchkühe. Natürlich bekomme ich aber auch die typischen Probleme mit, die Bauern in der EU haben.“ Zum Enkel gewandt sagt sie dann noch: „Ich habe die Vorstellung, auch wenn es manchmal schwer ist, dass eure Großmutter euch zuruft ‚Macht doch weiter, es wird schon klappen.‘ Sie wäre jedenfalls sehr stolz auf Euch.“

Aus dem Publikum kommt die Frage, ob das Buch einen Einfluss auf das Leben von Mindaugas gehabt habe.

„Das Buch hat mein Leben nicht verändert, aber das Buch ist eben auch das Leben: Alles wiederholt sich, nur die Zeit ist eine andere. Wieder feiere ich [Joninės/Mittsommer Anm. SW] auf dem Rombinus, wieder komme ich in der Nacht zurück, muss früh aufstehen, gehe in den Stall und sehe dieselben Kühe.“

Ob er das Gefühl habe, das Leben der Großmutter zu wiederholen?

„Ja, wenn ich es so betrachte, habe ich schon das Gefühl. Sie wurde in Bittehnen geboren, hat in Schmalleningken geheiratet, wurde nach Sibirien verschleppt und kam dann zurück nach Bittehnen. Ich bin in Schmalleningken geboren, war in Deutschland und bin heute wieder zurück in Bittehnen. Und unser Sohn macht jetzt etwas Ähnliches durch.“

Wie in diesen Tagen in Litauen üblich, kommt das Gespräch schließlich auch auf den Krieg in der Ukraine zu sprechen. Mindaugas betont, wie wichtig das Vermächtnis seiner Großmutter auch in diesem Zusammenhang ist. Es ist die Geschichte einer Frau, die allen Schicksalsschlägen zum Trotz immer stark und lebensbejahend bleibt. „Ich denke, es ist ganz in ihrem Sinne, wenn ich sage, dass ich niemals jemanden, der Hilfe benötigt, zurückweisen werde. Wer meine Oma aus dem Buch kennt, versteht, dass ich jetzt gar keine andere Wahl habe als den Menschen in der Ukraine zu helfen.“ Und so geht der Erlös aus dem Buchverkauf der Lesereise, verdoppelt durch den Enkel, in Erinnerung an Lena Grigoleit in die Ukraine.

Ulla Lachauer nickt. „Natürlich gibt es auch in Deutschland eine große Hilfsbereitschaft nach dem Schock vom 24. Februar, der einem den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Aber in Litauen ist das alles noch viel näher. Vielleicht auch, weil meine eigene Verbindung zu Litauen so eng ist und ich die Geschichte der Familie Grigoleit, der Töchter, Enkel und sogar der Urenkel, die es inzwischen gibt, nun schon länger mitverfolge. Dadurch ist auch bei mir dieses Gefühl der Nähe zur Ukraine sehr stark.“  

Ulla Lachauer
Paradiesstraße: Lebenserinnerungen der ostpreußischen Bäuerin Lena Grigoleit
(mit einem neuen Nachwort und historischen Fotografien)
Rowohlt Taschenbuch, Neuausgabe 2007, 192 S., 10 Euro

Die litauische Übersetzung (von Jovita Liutkutė) erschien unter dem Titel „Rojaus kelias: Rytprūsių ūkininkės Lėnės Grigolaitytės prisiminimai“ im Verlag Tabula Nova, 2021

Inszenierung „Paradiesstraße“ des Volkstheaters ARTYN
Foto: © Sonya Winterberg
Inszenierung „Paradiesstraße“ des Volkstheaters ARTYN
© Sonya Winterberg

Die Veranstaltung fand in Kooperation mit dem Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg, vertreten durch Agata Kern, sowie dem Departement der Volksminderheiten der Republik Litauen und dem Zentrum der Volksminderheiten-Kulturen der Stadt Klaipėda statt. Unter der Mitwirkung von Schauspielerinnen des Volkstheaters ARTYN (Leitung: Marta Wendland) sowie der musikalischen Begleitung von Albert Wendland, Gitarre.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

RSS
Folgen Sie dem Blog per E-Mail
Sonya Winterberg auf Instagram